Gehirn und Mißbrauch

AM-Institute for knowledge reduction
Shorty V / 1995

Anhand einer von unserem Institut durchgeführten Meinungsumfrage konnte belegt werden, daß in der Bevölkerung die Ansicht, daß Denken und Erforschen den Fortschritt begünstigt, weit verbreitet ist.

Nach den erhobenen Werten rangiert diese Ansicht noch vor der Vorstellung, daß schwarze Katzen Unglück, schwarze Rauchfangkehrer aber Glück bringen.

Wie ich hier zeigen möchte, ist es aber ein, wenn auch sehr verbreiteter Aberglaube, anzunehmen, daß die Weiterentwicklung in irgendeiner Form auf Nachdenken zurückgeführt werden kann.

Im Gegensatz dazu kann sogar gezeigt werden, daß gerade Nachdenken, da es in hohem Maße die Aktivität einschränkt, die Entwicklung verzögert bzw. zum Stillstand bringt, wenn es nicht auf ein erträgliches Maß reduziert werden kann.

Es kann daher postuliert werden, daß Fortschritt nicht durch Denken, sondern durch die Summe dessen, was NICHT gedacht, bzw. NICHT erforscht wird, hervorgerufen wird.


Quintessenz
Denken reduziert damit die Entwicklung

Brettspiele sind in ihren Grundzügen dem Leben entnommen und durch ihre räumliche wie auch zeitliche Ausdehnung optimal geeignet, um den beschriebenen Zusammenhang zu simulieren.

Beispiel Schach:

Am Beginn des Spieles stehen 20 Züge zur Auswahl.

Die Möglichkeit, den richtigen Zug zu erwischen, ist also gar nicht so klein. Als Endvarianten stehen Sieg, Remis oder Verlust an.

Sehr oft verfällt jedoch der Spieler der Versuchung, seine Siegwahrscheinlichkeit durch Erforschen der 20 Möglichkeiten zu erhöhen. Dabei stehen pro Möglichkeit 20 gegnerische Antworten zur Verfügung, die wiederum 20 eigene Aktionsmöglichkeiten nach sich ziehen. Also sind zumindest 8000 Varianten zu untersuchen.

Wie jedem bekannt ist, genügt unter Umständen ein einziger Fehler, um zu verlieren (auch beim Schachspiel).

Um die gleiche Gewinnwahrscheinlichkeit zu erhalten, muß die begonnene Forschungstätigkeit die Chance daher aufs 400 fache steigern. Dieser Wert kann vermeintlich nur erreicht werden, wenn man nicht nur einen einzigen Zug, sondern noch ein paar Schritte weiter überlegt. Jedoch steigt, wenn man noch eine Runde mehr überlegt, die Anzahl der Variationen, die es zu überdenken gilt, auf 5 Millionen!!!.

Das wiederum bedingt geringere Siegchancen für die einzelne Variante, die nur durch noch gründlicheres Überlegen auszugleichen ist.

Es zeigt sich also, daß, hat man einmal mit dem Nachdenken begonnen, die Chancen mit jedem Schritt schlechter werden.

Zusätzlich wird die dafür benötigte Zeit rapide ansteigen. In dieser Zeit steht das Gehirn nur sehr begrenzt für andere Tätigkeiten zur Verfügung. Dennoch ist man, hat man einmal mit dem Denken begonnen, versucht weiterzumachen, um die gesunkenen Chancen vielleicht doch noch wettzumachen.

Da aber sowohl beim Schachspiel wie auch im täglichen Leben die denkbaren Varianten rasch ins Unendliche (oder zumindest in die Nähe) ansteigen, ist man früher oder später zu einer Unterbrechung des Denkens gezwungen. Wie bereits gezeigt werden konnte mit doppelt negativem Effekt.

Erstens ist die Chance, das richtige zu tun gesunken. Statt einen richtigen Zug aus nur 20 muß die richtige Kombination aus einigen Millionen gewählt werden und

Zweitens ist Zeit verstrichen, die sich bekanntlich nicht mehr zurückdrehen läßt.

Es darf darauf aufmerksam gemacht werden, daß in dieser Zeit NICHTS erreicht wurde, außer einer einsetzenden Verstaubung der Schachfiguren.

Diese einfache Wahrheit wird auch jedem Schachcomputer zum Verhängnis, der sich durch die zu hoch gesteckten Erwartungen seines Programmierers nicht dazu durchringen kann, den Auswahlprozess abzustellen. Dadurch wächst auch hier die Anzahl der Möglichkeiten in Sekundenschnelle ins Unermeßliche, sodaß die Wahrscheinlichkeit, die richtige Auswahl zu treffen, immer geringer wird. Das Programm ist aufgrund der explodierenden Vielfalt letztendlich gezwungen, irgendwo abzubrechen und halt irgendeinen Zug auszuwählen.

Es muß einschränkend festgestellt werden, daß der beschriebene Effekt auf drei Annahmen beruht und auch nur dann auftritt, wenn diese drei Bedingungen gegeben sind.


Randbedingungen
1. Es existiert eine Zielvorstellung
2. Es gibt mehrere relevante Entscheidungen Dabei ist jede Entscheidung, die in irgendeiner Variante das Ergebnis (die Erreichung des Zieles) beeinflußt, relevant
3. Es besteht ein Zusammenhang zwischen den Entscheidungen Jede Entscheidung hat Auswirkungen auf eine andere Entscheidung, bzw. wird von einer anderen beeinflußt.

Das Schachspiel entspricht dieser Vorgabe exakt, jedoch auch jede menschliche Entscheidung, sofern die Reaktion der Umgebung (2.Spieler) nicht eindeutig zu den eigenen Aktionen zugeordnet werden kann, bzw. Abhängigkeiten zwischen mehreren Aktionen bestehen.

Wie ich feststellen konnte, kommen derartige Situationen durchaus vor.

Ein kleines Beispiel:

Es ist heiß an meinem Schreibtisch, daher Zielvorstellung: Abkühlung.

Spielvarianten
Entscheidung 1 Fenster öffnen ja/nein
Entscheidung 2 Spaziergang ja/nein
Entscheidung 3 Sakko ausziehen ja/nein
Entscheidung 4 Schuhe ausziehen ja/nein
Entscheidung 5 Automatencola


Diese Entscheidungen sind zielorientiert und zwischen diesen Entscheidungen bestehen Abhängigkeiten.

Zum Beispiel ist es nicht sinnvoll, das Fenster zu öffnen oder die Schuhe auszuziehen, um anschließend spazieren zu gehen.

Nur das Automatencola scheint unberührt, ist aber wieder von meinem Kleingeldbestand bzw. von der Lokalisierung des Automaten abhängig (Spaziergang ?) sowie davon, ob der Automat eine Kühlung besitzt, und wenn nicht, davon, wann er zuletzt befüllt wurde.

Der Spaziergang kann zusätzlich davon abhängig sein, ob es regnet und wenn ja, dann davon ob ich einen Regenschirm besitze und in diesem Falle davon, ob er in Ordnung ist und ich ihn nicht zu Hause vergessen habe.

Für den Spaziergang ist auch zu berücksichtigen, ob der Chef im Haus ist und wenn ja, ob er meine Absicht erkennen könnte (vielleicht doch Schuhe ausziehen (als Tarnung)) bzw. wenn er nicht im Haus ist, ob er vielleicht gerade spazieren geht und wenn ja, ob er dieselbe Strecke bevorzugt.

Ist er aber nicht im Hause und auch nicht spazieren, wäre es interessant, ob er Urlaub hat, nicht weggefahren ist und in der Gegend wohnt, in der der Spaziergang stattfinden sollte.

Im speziellen Falle wäre dann noch die Tageszeit zu berücksichtigen.

Da wir bereits erkennen, daß der angestoßene Denkprozess in absehbarer Zeit keine fundierte Entscheidung hervorbringt, unterbrechen wir ihn frühzeitig und tun einfach irgendwas.

Jedoch mit der Erkenntnis, daß der Versuch, mittels Denken eine Entscheidung herbeizuführen, erstens gescheitert ist, zweitens Zeit gekostet hat, in der das Gehirn seine normale Funktion unterbrechen mußte und drittens, wie auch beim Computerprogramm, die Gefahr in sich birgt, in einen Zustand zu verfallen, der nur noch von außen unterbrochen werden kann.

Daß dieser tranceartige Zustand auch lebensbedrohend sein kann, ist an Beispielen (UNO, österreichische Großparteien, ...) leicht ersichtlich.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auf den Bericht "Kleider machen Leute" hinweisen, der sehr eindrucksvoll belegen konnte, daß Denken nicht zu den evolutionären Errungenschaften des Menschen zählt.

Zu klären bleibt, ob zwischen der hohen Entwicklungsstufe der in erwähntem Artikel genannten Personen und deren Fähigkeit zur rigorosen Eindämmung der Denkvorgänge ein Zusammenhang festgestellt werden kann.

Ich denke nicht!

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